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Gute Online-Texte. Schreiben für das Internet – Kommunikations-Designerin Claudia Klinger

Urgestein des deutschsprachigen Web, Kommunikations-Designerin, Online-Texterin, Bloggerin – Claudia Klinger. Was Claudia auf meine Fragen geantwortet hat, was sie über das Schreiben im Internet, gute Online-Texte und sonst noch zu erzählen hatte, erfährst Du im Interview.

Gute Online-Texte. Schreiben für das Internet – WWMAG

Vor etwa 10 Jahren surfte ich das erste Mal auf Dein Projekt webwriting-magazin.de. Trotzdem weiß ich bis heute nicht viel von Claudia Klinger, magst Du Dich mit ein paar Worten vorstellen?
Oh je, mit dem Thema “Selbstdarstellung” in dieser expliziten Art hab’ ich so meine Probleme! :-) Deshalb gibts auch keine “Über mich-Seiten” auf meinen Web-Projekten! Aber gut: seit 1996 bin ich aktive Webwerkerin, seit ’97 lebe ich davon und bin selbständig.

Auch im vorigen Leben, also dem vor dem Internet, war Schreiben und “Medien gestalten” meine Hauptbeschäftigung als Kommunikationsdesignerin. Real lebe ich in Berlin Friedrichshain und sitze da meist vor dem Monitor , wenn ich nicht grade im Garten bin.

Erzähl bitte etwas über die Anfänge und die Entwicklung vom webwriting-magazin. Wie war das damals?
Das hab’ ich zusammen mit Michael Charlier gegründet. Damals noch als händisch erstelltes Web-Magazin mit Artikeln rund um den großen Umbruch, der nach der Jahrtausendwende in Gestalt des “CSS-Designs” auf alle Webdesigner und Homepagebastler zukam. Man musste damals 80% des eigenen Knowhows in die Tonne treten zu Gunsten einer grundstürzend neuen Methode, deren Ergebnisse dann auch noch auf jedem Browser anders aussahen – gruslig! Das WWMAG kam da gerade recht, brachte KnowHow und Best-Praxis-Beispiele und diente auch der ebenfalls damals von uns gegründeten Liste CSS-Design als Homepage, die noch heute aktiv ist.

Heute lebt das WWMAG sein “zweites Leben”: als Blog rund ums Publizieren und Kommunizieren im Internet.

Wie kam es zu der Pause vom webwriting-magazin? Dadurch hatte ich Dich und Deine Projekte etwas aus den Augen verloren. Seit einiger Zeit hast Du dem Web-Magazin WWMAG wieder leben eingehaucht. Was hat Dich dazu bewegt? Ich freu mich darüber da mir Dein Schreibstil sehr entgegen kommt.
Irgendwann wurde mir klar, dass ich kein CSS-Experte werden und mein ganzes Engagement immer nur in Arbeiten “unter der Motorhaube” der Webseiten fließen lassen will. Schreiben, gestalten, bekannt machen, beraten und die Entwicklung eigener Projekte sind viel eher die Bereiche, die mir nachhaltig Freude machen.

Michael wurde zwar Experte, allerdings dann mehr und mehr im praktischen Einsatz, der ihm immer weniger Zeit für das WWMAG ließ. Es dümpelte erst so dahin, dann passierte gar nichts mehr: wir waren ja zwei und weil jeder meinte, der Andere wolle damit vielleicht noch was anfangen, blieb es ein paar Jahre Webleiche.

Als ich dann mit meinem Hauptprojekt Digital Diary auf WordPress umgestiegen war und alle Welt “bloggte”, kam mir die Idee, auch das WWMAG als Blog mit Themen “rund ums Internet” weiter zu betreiben – und Michael gab seine Rechte gerne an mich weiter.

Gute Online-Texte. Schreiben für das Internet – MOMAG

Ein paar Projekte hast Du bereits angesprochen, magst Du trotzdem ein paar Worte zu Deinen Projekten im Internet schreiben?
Erst gab es viele spannende Experimente mit immer neuen Namen, bis ich dann 1999 eine Domain auf den eigenen Namen anmeldete und das Digital Diary startete. Heute ist es das zweitälteste noch aktive Blog im deutschsprachigen Web.

Das chronologische Schreiben hatte ich mittels eines Nichtrauchertagebuchs schätzen gelernt: das Thema rauchen war irgendwann durch, aber so fortlaufend zu schreiben empfand ich als sehr angenehm: nicht dieser ewige Kampf mit den eigenen Themenschubladen und dem Bekanntmachen neuer Projekte!

Das Diary ist nun schon im 11.Jahr, doch entstanden daneben weitere Blogs: Das Modersohn-Magazin ist mein Berlinblog rund um Friedrichshain, in dem auch Susanne Englmayer vom Hauptstadtblog mitschreibt. Dann gibts noch das Lustgespinst, eine Art erotisches Feuilleton, und das Wilde Gartenblog, in dem ich meine Freude am Gärtnern verblogge.

Da ich gerne Podcasts höre, stelle ich meinen Gästen immer diese Frage. Hörst Du Podcast und hast Du eine Top5 die Du gerne vorstellen möchtest?
Nein, leider nicht – für Podcast fehlt mir die Geduld: ich lasse mich ungern “berieseln”, sondern bestimme lieber selbst die Geschwindigkeit, mit der ich Inhalte aufnehme. Wer es gewohnt ist, täglich jede Menge Texte zu “scannen”, tut sich schwer mit dem geduldigen Zuhören bei einem Podcast: die enthaltenen Informationen ließen sich ja oft sehr gut in einen kurzen Text packen, der sehr viel weniger kostbare Lebenszeit verschlingt. Auf dem Gebiet bin ich wohl Kulturbanause.. :-)

Gibt es “falsches” Publizieren und Kommunizieren, Worst- Case-Beispiele, im Netz, bei denen es Dich besonders gruselt?
Besser und schlechter gibts in jedem Bereich, klar! Zur Zeit ist es zum Beispiel für viele ein Problem, die verschiedenen Social-Media-Tools sinnvoll zu nutzen: Twitter, Friendfeed, Facebook. Googles Buzz und andere bieten meist auch an, die jeweiligen Postings, Tweets und Statusmeldungen an andere Dienste weiter zu leiten. Schnell hat man da jede Menge Redundanz durch ungewollte Loops und nervt die Leser, Friends und Follower durch zig gleichartige Meldungen. Ich experimentiere da auch noch, bau mir einen SocialMedia-Graph für den Überblick und schreibe drüber.

Bei längeren Texten – in Blogs geht der Trend ja wieder dahin – kommt es nach wie vor auf die Basics an: Guter Stil und klare Sprache. Als ich merkte, dass es rund ums Bloggen zigtausend Tipps gibt, aber nichts über das Schreiben, hab’ ich im WWMAG die “20 Handwerkstipps für Einsteiger” gebracht. Der Artikel wird sogar freiweillig verlinkt. :-)

Fällt Dir etwas ein, um mir und anderen Bloggern, mit jungen Projekten Mut zu machen? Kann gutes Publizieren und Kommunizieren im Internet erlernt oder trainiert werden?
Wir lernen am schnellsten, indem wir es einfach tun. Wieviel KnowHow man sich zusätzlich anlesen muss, kommt drauf an, welche Ansprüche und Vorhaben man hat. Twitter-Kurse halte ich persönlich für übertrieben, aber es scheint Menschen zu geben, die für die 140-Zeichen-Kommunikation so etwas brauchen, speziell, wenn sie für Unternehmen twittern.

Längere Texte werden besser, je mehr man schreibt. Dazu gibts viele gute How-To-Bücher, z.B. aus dem Bereich Creative Writing, aber auch viel Lesen hilft. Bei einem Blogposting sollte man sich auch immer klar machen, dass das Menschen lesen, die keinerlei Vorahnung von irgend etwas haben: die kennen weder die älteren Postings noch den Blogger und stecken auch nicht im jeweiligen Thema drin. Mein Leitgedanke ist da immer: ein Artikel soll ganz für sich stehen können und trotzdem verstanden werden!

Hast Du schon eine Idee wie HTML5 das Webdesign beeinflussen wird?
Damit werde ich mich erst intensiver befassen, wenn es die gängigsten Browser auch umsetzen. Ich vermute mal, Flash und Javascript werden an Bedeutung verlieren, zudem erhoffe ich mir, dass durch die neuen strukturierenden Elemente die Suchmaschinen Texte besser indizieren können. Aber wie gesagt: was unter der Haube ist, interessiert mich nur noch, soweit ich es zum Seiten erstellen brauche. Viel spannender finde ich, was Menschen im Internet mittels neuer Vernetzungen so alles anfangen – und wie.

Gibt es Tipps, die Du Bloggern und Webmastern ans Herz legen magst, wie sich Texte besser an die Gegebenheiten im Internet anpassen lassen?
Inhaltlich ist es am besten, man schreibt über Themen, für die man sich wirklich interessiert. Blogs sollten nicht der Presse nacheifern, die in zig Varianten diesselben DPA-Meldungen zum Besten gibt. Das bloße Link-Schleudern hat ja auch dank Twitter schon abgenommen und gehaltvollere Postings sind wieder häufiger.

Je nachdem, was man mit seinem Blog will und welche Zielgruppe man anspricht, sind andere Dinge wichtig – ein allgemeines Rezept gibt es da nicht. Sinnvoll ist es auf jeden Fall, möglichst barrierefrei zu bloggen und die Rechtschreibung nicht zu vernachlässigen, das ist keinesfalls vorgestrig! Jede Menge Tipps und Knowhow hat das Magazin UPLOAD mal in einem Blogprojekt versammelt, zu dem es eine ausführliche Rezension im WWMAG gibt: Die verständlichsten Blogtipps für Einsteiger – Review eines nützlichen Blogprojekts.

Wie muss man sich eine Beratung für ein Internetprojekt vorstellen? Was sind die wichtigsten Ansatzpunkte, um den Kunden wirklich zu helfen?
Das Wichtigste ist, zuerst mal heraus zu finden, was derjenige mit dem Projekt konkret vorhat. Wer soll angesprochen werden? Was will man erreichen? Lange Zeit hatten ja viele Webseiten, die sie nur als eine Art Prospekt oder eine Image-Broschüre im Web verstanden. Das gibt es zwar immer noch, doch ist es zum Glück nicht mehr Standard: Blogs, Portale und sogar Shops sind “Orte” der Kommunikation mit den Surfern, Lesern oder Kunden.

Da geht es dann z.B. darum, dem Interessenten dabei zu helfen, sich klar zu werden, wie weit er sich selber einlassen kann und will – und was er vielleicht doch lieber andere machen lässt. Im Grunde kann man ein Webprojekt heute nicht mehr isoliert betrachten: es ist lediglich ein Knoten im Netz der Kommunikationsströme, die über vielerlei Kanäle ablaufen, bzw. ins Laufen gebracht werden müssen (Stichwort SEO/SEM, User-Support, Aktualisierungen etc.).

Wie sollte ein Text für das Internet aussehen? Gibt es Formulierungen oder Worte die der Webworker strikt vermeiden sollte?
Aber nein! Es ist doch unmöglich, Vorgaben für “das Internet” zu machen: auf jeder Website sollte so getextet werden, wie es für die jeweilige Zielgruppe passt. Und Blogger, die keine Vorstellung haben, für wen sie schreiben, sollten genau so schreiben, wie sie es auch sonst tun.

Damit ein Text aber gelesen wird, ist es wichtig, ihn nicht als fortlaufende “Bleiwüste” zu gestalten. Also überschaubare Absätze und Zwischenüberschriften, damit das Auge einen Anhaltspunkt hat. Listenpunkte und eigerückte Zitate machen sich ebenfalls gut und eine aussagekräftige Überschrift, die Interesse weckt, kann auch nicht schaden.

Fällt Dir im Gegensatz zur obigen Frage ein Best-Praxis-Beispiel ein wo der Texter besonders gute Arbeit geleistet hat, sowohl in Wortwahl als auch Textlänge?
Angesichts der Vielfalt im Web fände ich sowas vermessen! Aber ich nenne mal zwei Artikel, die mir besonders gefallen haben: Geschichten aus der Heimat auf E-Script zum einen, und dann ein amerikanisches Posting, das ich so klasse fand, dass ich ihm eine Lobrede im WWMAG gegönnt habe: Ein Blogposting wie Donnerhall Beide zeigen, dass es letztlich auf den Inhalt ankommt und die Kunst, ihn spannend in Szene zu setzen.

Google Chrome stand unter ziemlichen Beschuss durch Medien und der Netz-Community. Magst Du zu dem Browser etwas sagen und welchen Browser kannst Du mit guten Gewissen empfehlen?
Ich verwende lange schon Firefox, für den es jede Menge nützliche Plugins gibt. An Chrome missfällt mir das, wozu er ja gebaut ist: die totale Vernetzung mit Googles Welt und das automatische Tracking des Surfens. Zumindest war das anfänglich so, wie es nach all der Kritik in Sachen Datenschutz mittlerweile aussieht, müsste ich erst recherchieren. Der Browser ist für mich ein Werkzeug, kein an sich interessantes Thema, also beschäftige ich mich damit nur in dem Rahmen, wie ich es als Webdesignerin tun muss: schauen, ob das Design auch in anderen Browsern stimmt.

Gute Online-Texte. Schreiben für das Internet – Digital Diary

Kennst Du noch weitere Blogs die sich mit den in diesem Interview angerissenen Themen beschäftigt und unbedingt angesurft werden sollten?
UPLOAD von Jan Tißler lese ich gerne. Für Blogger, die “Profi” werden wollen, ist sicher auch das Blogprojekt von Peer Wandinger, ein Ableger von “Selbständig im Netz”. Auch KoopTech von Christiane Schulzki-Haddouti surfe ich häufig an: da gehts um alles rund um “Soziale Medien”. Und Stefan Münz, der einst allen Webseitengestaltern HTML vermittelt hat, schreibt jetzt ein Blog auf Webkompetenz zu aktuellen Internet-Entwicklungen und zum gesellschaftlichen und politischen Wandel im Digitalzeitalter – spannend!

Möchtest Du noch über etwas schreiben, wonach ich aber nicht gefragt habe?
Wer mitkriegen will, was ich so lese und schreibe, kann mir gerne auf Twitter folgen. :-)

Das war Claudia Klinger! Herzlichen Dank von Maclites für die netten Antworten.

Tillmann Scheele führte durch das Maclites Magazin Interview. Schau regelmäßig nach neuen Interviewgästen von Maclites und verfolge das Maclites Magazin über:

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Aktualisiert am 19/11/2011

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Ein Kommentar

  1. Das Interview ist sehr interessant. Und auch wenn es inzwischen ein paar Seiten gibt, die sich auch damit beschäftigen, wie man gute Texte schreibt, sind es in der Tat nach wie vor viel mehr Seiten dazu, wie man den Blog optimiert, wie man das Design ändert, welche Plugins man installieren sollte, als welche, in denen erklärt wird, wie man einen guten Text schreibt. Gut finde ich auch, dass sie auf die Rechtschreibung hinweist – ich mag nämlich auch keine Blogs, die nur klein geschrieben sind und etliche Fehler aufweisen.

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