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Medienaktivistin Anne Roth – Soziale Netzwerke, Netzpolitik, Datenschutz und Data Mining

Medienaktivistin, Berlinerin, Datenschützerin und Lebensgefährtin von Andrej Holm – Anne Roth. Warum Anne auf annalist bloggt ist eine spannende, aber auch erschreckende Geschichte. Neugierig? Viel Spaß mit den Antworten von Anne!

Screenshot annalist.noblogs.org von Anne RothScreenshot annalist.noblogs.org von Anne Roth

Anne stelle Dich bitte meinen Lesern vor.
Bis Juli 2007 war ich eine weitgehend unbekannte Frau, Mutter von zwei Kindern, Politikwissenschaftlerin, Journalistin, Übersetzerin, Medienaktivistin. Dann wurden mein Freund Andrej Holm morgens um sieben in unserer Wohnung von einem Sondereinsatzkommando des Berliner LKA festgenommen und uns wurde eröffnet, dass er Deutschlands Top-Terrorist sei. Was uns nicht bekannt war und was auch in keinster Weise stimmt.

Er wurde mit dem Hubschrauber nach Karlsruhe zum Bundesgerichtshof geflogen, am nächsten Tag zurück und saß drei Wochen in Berlin-Moabit in Untersuchungshaft. Seit diesem Tag stand unser Leben Kopf und hat sich auch nur in Teilen bis heute wieder normalisiert. Ihm wurde (und wird bis heute) vorgeworfen, Kopf der ‘militanten gruppe’ zu sein. Dazu ist viel gesagt und geschrieben worden, so dass ich uns das heute spare. Wer nachlesen möchte, findet viele Artikel und mehr in der ‘Bibliothek’ meines Blogs.

Erzaehl bitte etwas zur Entstehung und Entwicklung Deines Blogs bis heute, Anne.
Ich habe zwei Monate nach der Festnahme angefangen, über den Alltag mit Anti-Terror-Überwachung zu bloggen, die ja mich und unsere Kinder genauso betraf. In gewisser Weise sind wir der Kollateralschaden dieser Sache, könnte man sagen. Genauso wie unsere Freunde und Verwandten, die alle auch phasenweise in die Überwachung gerieten. Diese Erlebnisse finden sich in meinem Blog, chronologisch von hinten nach vorn zu lesen, in der Rubrik ‘Überwachung im Alltag’.

Zu einer Zeit, als in Deutschland viel über den “Krieg gegen den Terror”, über die geplante Online-Durchsuchung, und über 30 Jahre Deutscher Herbst diskutiert wurde, haben wir das hautnah am eigenen Leib erlebt. Ich hatte gehofft, dass viele interessiert, wie sich die Dinge, die öffentlich diskutiert werden, praktisch auswirken und was das im Alltag bedeutet. Das war dann auch so. Es gibt unendlich viele schreckliche, aber auch absurde Details in so einer Ermittlung, von denen die meisten nie erfahren, wenn sie wieder eine kleine Meldung gelesen haben, dass irgendwo jemand mit Terror-Vorwurf festgenommen wurde.

Ich fand politisch wichtig, dass die andere Seite, die Wahrnehmung der Betroffenen, sichtbar wird. Die in den Medien fast nie vorkommt, was mit mangelndem Interesse – sicher oft beider Seiten – zu tun hat. Ein Blog bot die Möglichkeit, alles ohne Einschränkung aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Also, abgesehen von den juristischen Einschränkungen, und immer mit der Schere im Kopf ‘Wie werden sie das jetzt wieder interpretieren’.

Mit der Zeit habe ich zunehmend über ähnliche Verfahren gegen andere Menschen geschrieben, in Deutschland und anderswo. Dazu kommen inzwischen die Themen Datenschutz, Überwachung, Innere Sicherheit, aber auch allgemeiner Netzpolitik.

In einem aktuellen Blogartikel gehst Du auf wichtige Blogs ein und das die Leserschaft von Deinem Blog sinkt. Hat Anne Roth Pläne wie sie das vorhandene Potential von annalist weiter nutzen wird und nutzen möchte?
Ich würde nicht sagen, dass die Leserschaft sinkt. Sie hat nach dem ersten Wirbel um das Verfahren gegen Andrej stark abgenommen. Das liegt gewissermassen in der Natur der Sache. Ein Terrorismus-Verfahren ist eine ziemlich spektakuläre Sache und ein Blog, in dem regelmäßig über die neuesten Details der damit verbundenen Überwachung berichtet wird, noch immer einzigartig. Zumindest in Deutschland kenne ich keine anderen.

Inzwischen gibt es diese Berichte nur noch sehr selten, weil das Verfahren stagniert und sich seit über einem Jahr im Grunde gar nichts getan hat.

Dass meine sonstigen Gedanken zu Themen, die auch in anderen Blogs auftauchen, nicht so viel Interesse finden, finde ich ganz normal, und soo schlecht steht es um annalist ja auch nicht.

Wenn ich die Zeit hätte, mehr Artikel zu schreiben, würden sicherlich auch die Zugriffszahlen steigen. Mein Alltag wird aber vor allem von einer Vollzeitbeschäftigung und zwei Kindern bestimmt, da bleibt Bloggen Hobby, und angesichts dieser Situation beschwere ich mich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit.

Klar würde ich gern den ganzen Tag bloggen: es gibt so unendlich viele Geschichten, die erzählt werden könnten, aber dazu fehlt mir der Lotto-Gewinn. Also: Pläne? Nicht wirklich.

Im gleichen Blogartikel schreibst Du auch das Deine Leserschaft Werbung nicht tolerieren würde. Ich weiss ich sollte Deiner Leserschaft und nicht Anne Roth diese Frage stellen. Warum ist Deine Leserschaft so vehement gegen Werbung, da eine zusätzliche regelmässige Geldquelle Druck von Dir und Deiner Familie nehmen könnte?
Da gibt es sicherlich unterschiedliche Gründe. Ein Grund ist vermutlich, dass angenommen wird, dass Werbung insofern korrumpiert, als sich schnell die Frage stellt, ob bei bestimmten Artikeln die WerbekundInnen womöglich ausbleiben.

annalist wird vor allem von Leuten gelesen, die ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein für Datenschutz haben. Die reagieren natürlich auf alle Formen von Datensammlungen sehr negativ, und damit auch auf kleine Code-Schnipsel, die ihre Daten – hier: IP-Adresse – zu anderen Websites weitertransportieren. Das betrifft Werbung genauso wie eingebunden Code von YouTube, Sozialen Netzwerken oder die verbreiteten ‘Share’-Buttons. Sogar meine VG Wort-Pixel werden sehr argwöhnisch betrachtet.

Ehrlich gestanden glaube ich aber nicht, dass Werbe-Einnahmen über ein Blog wie meins tatsächlich zu relevanten Einnahmen führen. Ich kenne mich nicht gut mit diesem Thema aus, aber mein Eindruck ist, dass das keine besonders lohnende Perspektive ist.

Welche netzpolitischen Themen siehst Du momentan besonders kritisch?
Kritisch im Sinne von Kritik haben, oder dass ich sie gerade besonders entscheidend finde? Interessant finde ich auf jeden Fall Soziale Netzwerke in Kombination mit Datenschutzfragen.

Völlig ohne Not liefern wir uns in den Sozialen Netzwerken aus. Das betrifft sowohl das, was wir da kommunizieren als auch wie, also mit wem (und mit wem nicht). Eigentlich ist eine Kritik an Überwachung fast überflüssig angesichts der Möglichkeiten, die Behörden wie auch Unternehmen durch die virtuellen Gemeinschaften haben, etwa durch Data Mining.

Das ist sehr überspitzt formuliert: aktive polizeiliche Überwachung muss natürlich weiter kritisch beobachtet werden. Aber einen bewussteren Umgang mit den eigenen Daten im Netz brauchen wir unbedingt.

Wie verstehst Du Datenschutz und wie lebst Du ihn?
Datenschutz bedeutet für mich persönlich zu versuchen, die Kontrolle über meine Daten so weit wir möglich zu behalten. Das fängt mit dem Verschlüsseln von E-Mails an, was ja mittlerweile etwa über die Programme Thunderbird in Verbindung mit GPG und Enigmail wirklich einfach geworden ist. Ich versuche auch, Menschen in meiner Umgebung zu ermuntern, das auch zu tun. Das gleiche gilt für die diversen Add-Ons für Firefox, mit denen ich kontrollieren kann, welche Daten von mir an andere gehen und was ich mir beim Aufrufen bestimmter Websites alles mit lade.

Ich benutze keine Payback-Karten, habe erst seit kurzem eine Kreditkarte, die ich aber fast noch nie benutzt habe, und benutze verschiedene E-Mail-Adressen. Z.B. eine nur für Sachen, die womöglich dazu führen, dass ich in Adressdatenbanken auftauche. Also bspw. für die Teilnahme an Preisausschreiben. Ich stehe nicht im Telefonbuch und benutze für verschiedene Bereiche meines Lebens unterschiedliche virtuelle Identitäten, wieder etwa mit eigenen Mailadressen, um das Erstellen eines Persönlichkeits- oder auch Konsumverhaltensbildes möglichst zu erschweren. Mein Handy überträgt meine Telefonnummer nicht.

Ich betreibe kein Online-Banking und kaufe auch nicht bei E-Bay ein, weil mir meine Konto-Daten heilig sind.

Letzten Endes habe ich nur eine Auswahl getroffen, denn der ultimative Datenschutz wäre ja, sich gar nicht im Netz zu bewegen. Ich denke, jeder und jede sollte versuchen, bei Sachen, die das eigene Leben nicht zu stark beeinträchtigen, persönliche Daten für sich zu behalten und an anderen Stellen auch mal Kompromisse zu machen. Wir leben nunmal in dieser Welt.

Was ist so problematisch an den Begriffen “Gentrification” und “Prekarisierung” das es eine derartige “staatliche Keule” rechtfertigt? Muss ich jetzt auch damit rechnen observiert zu werden weil ich die beiden Begriffe nun in meinem Blog verwende?
Die erste Frage müsstest Du vielleicht besser der Bundesanwaltschaft oder dem BKA stellen. Ich wüsste es auch gern.

Aber die Begriffe sind es ja nicht allein: die Begriffe spielten eine Rolle, weil sie in Texten von Andrej und den drei anderen ursprünglich Beschuldigten vorkamen. Diese Texte waren in der Polizei-Datenbank mit Texten, die mit denen der ‘militanten gruppe’ verglichen wurden. Aber warum? Warum waren diese Texte von genau diesen Leuten da drin? Diese Frage beantwortet uns niemand, aber die Annahme liegt ja nicht so fern, dass das Menschen passiert, die überhaupt erstmal unter ihrem eigenen Namen im Netz veröffentlichen und die nicht nur Wissenschaftler, sondern auch politische, linke Aktivisten sind.

Andrej schreibt nicht nur über Gentrifizierung, sondern ist seit Jahren in Mieterinitiativen und Gruppen und Netzwerken aktiv, die sich mit Stadtumstrukturierung und Mieterproblemen befassen. Er war (wie ich und tausende andere) an den Vorbereitungen der Proteste gegen den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm beteiligt.

Er hat Kontakte in viele verschiedene soziale Bewegungen. Auch das gehört zum Raster der BKA für mögliche Mitglieder der ‘militanten gruppe’, das wir in den Akten gefunden haben.

Deswegen: nein, ich glaube nicht, dass allein das Benutzen der Begriffe ausreicht, um als Terrorist verdächtigt zu werden. Aber der Kontakt, der macht schon verdächtig.

Du betreibst nicht nur Deinen Blog “annalist”, sondern hälst auch Vorträge. Können meine Leser irgendwo nachsehen wo Du Deine nächsten Vorträge hälst? Was werden Deine nächsten Schwerpunktthemen sein?
Ich bin eigentlich relativ selten bei öffentlichen Veranstaltungen, was auch mit meinen Kindern und generellem Zeitmangel zu tun hat.

Wenn Vorträge oder sonstige öffentliche Auftritte geplant sind, dann steht das oben in der rechten Seitespalte meines Blogs. In der nächsten Zeit werden das zwei Veranstaltungen bei der Linken Medienakademie, evtl. die Re:publica, falls das Paper, dass ich zusammen mit Susanne Klingner von der Mädchenmannschaft einreichen werde, angenommen wird und eine Veranstaltung in Hannover bei einer Reihe zum Thema Überwachung.

Inhaltlich lande ich gerade in einem Thema, um das es in meinem Blog bisher kaum ging: die spezielle Situation von Bloggerinnen und die Frage, wie sich im Netz definiert, was (und wer) wichtig oder relevant ist. Total interessant, aber ganz was anderes als ich bisher gemacht habe.

Ist die Piraten Partei in Deinen Augen eine Chance für Deutschland?
Ich beobachte die Piraten nicht wirklich, deswegen fällt mir schwer, mich dazu zu äußern. Als sie anfingen, fand ich sie sehr sympatisch und dachte, dass sie hoffentlich die anderen Parteien und die Öffentlichkeit überhaupt zu Netzthemen auf Trab bringen werden.

Inzwischen bin ich skeptischer, denn die politische Naivität in Bezug auf andere Themen scheint mir problematisch. Insbesondere die mangelnde Abgrenzung nach rechts, die dann gern unter dem Deckmantel der uneingeschränkten Freiheit daher kommt, müssen sie unbedingt beenden.

Vor einer kleinen Weile wurden “Soziale Netzwerke” bei Trackback diskutiert. Die sozialen Netzwerke wissen scheinbar auch vieles über Menschen die nicht Mitglied bei Xing, LinkedIn oder Facebook sind. Im Grunde würde das ja bedeuten das der gläserne Blogger, gläserne Netzaktivist bereits Realität ist. Siehst Du das ähnlich und hast Du schon Ideen, oder kennst Du Leute die Möglichkeiten gefunden haben, dagegen vorzugehen?
Die Trackback-Sendung habe ich nicht gehört, aber grundsätzlich ist mir das Thema natürlich bekannt. Es wird ja viel diskutiert und geschrieben zur Zeit. Ich sehe die Gefahren durchaus, nicht zuletzt z.B. durch Data Mining, auch Rasterfahndung genannt. Dabei geht es gar nicht mehr darum, was ich wo äußere, sondern darum, wen ich kenne, mit wem ich viel oder wenig zu tun habe, welche Gruppen mit welchen anderen Gruppen welche Verbindungen haben oder welche Personen zentrale Rollen spielen. Es gibt sogar Methoden, die in der Lage sein wollen (oder sollen), über das Kommunikationsverhalten in sozialen Netzwerken terroristische ‘Zellen’ aufzuspüren. Die diversen Polizeien und Geheimdienste finden das jedenfalls sehr interessant.

Weniger dramatisch ist vielleicht die Option, dass Persönlichkeitsprofile erstellt werden – gar nicht (primär) mit dem Motiv der Strafverfolgung, sondern etwa um gezielt Werbung platzieren zu können. Die Betreiber sozialer Netzwerke handeln ja nicht aus Liebe zu den Menschen, sondern weil sie auch ein kommerzielles Interesse haben.

Die einfachste Möglichkeit, sich dem zu entziehen ist, sich keinen Account bei (kommerziellen) sozialen Netzwerken zuzulegen. Verzicht als Strategie hat aber schon bei den Grünen und dem Umweltschutz nicht funktioniert.

Mir sind kreativere Lösungen lieber: z.B. sich mit verschiedenen virtuellen Identitäten einzuloggen, nicht jede mögliche Verknüpfung anzuklicken und ganz bewusst nicht jeden Online-Schnickschnack mitzumachen.

Hast Du neben Deinen zahlreichen Verpflichtungen Zeit Podcasts zu hören? Falls ja welche , warum und was sind Deine aktuellen Top5?
Habe ich tatsächlich nicht, was ich sehr schade finde. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich lieber lese.

Nutzt Du Produkte von Apple?
Ja.

Wie siehst Du das iPad, könntest Du Dir vorstellen es zu kaufen?
Habe ich mir keine Gedanken drüber gemacht. Ein Computer reicht mir an sich, und angesichts meiner vierköpfigen Familie gebe ich mein Geld eher für andere Sachen aus.

Gibt es ein Blog das Du gerne empfehlen würdest?
Eins? Das ist eine gemeine Frage, weil ich kein Blog kenne, das meine verschiedenen Interessen abdeckt. Deswegen nenne ich doch mal mehrere:

und und und..!

Worüber würdest Du gerne noch etwas sagen, wonach ich aber nicht gefragt habe?
Nüscht, wie die Berlinerin sagen würde.

Vielen Dank Anne Roth für die spannenden Antworten.

Tillmann Scheele stellte für Maclites die Fragen. Abonniere den maclites RSS Feed und verpasse keinen Antispam Tipp gegen Kommentarspam in Blogs, oder ein interessantes Interview.

Aktualisiert am 19/11/2011

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