Netzpolitik. Netzaktivist. Netzlobbyist. – Markus Beckedahl
Von Berlin aus betreibt Markus Beckedahl sein Politikblog netzpolitik.org. Als Gründer und Evangelist der Firma newthinking communications setzt er sich für Creative Commons und Open Source ein. Organisator der Social-Media-Konferenz re:publica. Die Liste der Engagements, Aktivitäten und Interessen von Markus Beckedahl erscheinen endlos. Markus war so freundlich mir für maclites ein paar Fragen zu beantworten.
Angesichts der Reaktionen und dem Verhalten der Politiker im Allgemeinen und der Regierung im Speziellen fühlen sich viele ohnmächtig. Ist auch in Deinen Augen die Lage für Netzaktivisten, Netzlobbyisten, Netzpolitiker und anderen auf “unserer Seite” wirklich so hoffnungslos etwas zu bewegen wie es scheint?
Nein, ich bin da Optimist. Man wird da zwar von Heute auf Morgen nicht alles ändern können, aber dafür spielt die Zeit für uns. Die Netzwerke
für digitale Bürgerrechte werden jeden Tag größer und mächtiger und die digitale Spaltung geht langsam aber sicher in breiten Teilen der
Gesellschaft zurück. Und wer am digitalen Leben teilnimmt, wird auch eher für die Themen der digitalen Gesellschaft empfänglich sein.
In jüngster Vergangenheit wird von einigen Leuten darüber geredet das der Staat das Internet zurückerobert. Wie siehst Du diese Aussage die ich persönlich als Bedrohung ansehe?
Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, wie es oftmals behauptet wird, um das Netz weiter zu regulieren und zu überwachen. Viele Regulierungsmaßnahmen bedrohen unsere Grundrechte und Freiheiten. Aber nicht alles ist schlecht. Hier müssen wir aufpassen und uns in die gesellschaftlichen Debatten einmischen.
In den letzten Monaten habe ich mich viel mit Leuten über Regierungshandeln unterhalten und leider gab es durchaus gehäufte Stimmen das es richtig ist oder sein wird was Sie tun. Rennen wir gegen Windmühlen an und ist das eine Bildungsfrage ob man die aktuelle Politik kritisch sieht oder befürwortet?
Jede Regierung findet Akzeptanz und Widerstand. Das ist das System der Demokratie und von Mehrheiten. Falls Du konkret das Regierungshandeln in Bezug auf Netzpolitik meinst: Das ist eine Bildungsfrage und hier muss dringend die digitale Spaltung unter den Politikern beseitigt werden. Ich kann nur Allen empfehlen, sich aktiv an Politiker zu wenden und ihnen Hilfe anzubieten. Man kann z.B. in die Sprechstunden von Landtags- und Bundestagsabgeordneten gehen und ihnen bestimmte Fragestellungen der digitalen Welt erklären.
In den letzten Jahren wurden viele viele Interviews mit Dir geführt. Mit dem Netzaktivisten, Lobbyisten, ehemaligen aktiven Grünen, Firmengründer. magst Du etwas über den Menschen Markus Beckedahl erzählen?
Ich schlafe auch in einem Bett und muss in der Regel morgens aufwachen, wenn der Wecker klingelt. Aber ansonsten versuche ich, mein Privatleben zu schützen und von meiner öffentlichen Person klar zu trennen.
Einige Datenschützer schiessen heftig gegen Google Analytics und machen Werbung für kostenpflichtige Webanalysetools. Es wird durchaus von Verlogenheit und Doppelmoral gesprochen in dem Zusammenhang. Wie siehst Du das?
Ich habe bisher noch keine Werbemassnahmen von staatlichen Datenschützern für kostenpflichtige Webanalysetools mitbekommen. Allerdings teile ich die Kritik vieler Datenschützer an Google Analytics und setze deshalb dieses Werkzeug auch nicht auf meinem Blog ein.
Stell bitte Deine Firma newthinking communications kurz vor: Ideenfindung, Gründung, Entwicklung und Zukünftiges.
Vor einigen Jahren haben Andreas Gebhard und ich zusammen die Pressestelle der LinuxTag organisiert. Aus dieser sind zwei Ideen für Firmen entstanden: Die newthinking store GmbH als Freie Software Fachgeschäft mit Veranstaltungsraum und die newthinking communications GmbH als Agentur für Open Source Strategien. Letztere ist auf Webplattformen auf Basis von Freier Software wie Drupal, Typo3 oder Liferay spezialisert, wir arbeiten viel für Organisationen und Unternehmen und in einem weiteren Geschäftsbereich machen wir im weitesten Sinne Politikberatung. Das reicht dann von Beratung und Projektmanagement rund um das Thema “Linux in Afrika” für Entwicklungszusammenarbeitsorganisationen bis hin zu Studien und Gutachten rund um Creative Commons, soziale Medien und anderen Themen der digitalen Gesellschaft. Desweiteren machen wir Veranstaltungsmanagement, aber hauptsächlich für eigene Projekte wie die re:publica oder die all2gethernow.
newthinking communications und netzpolitik.org stehen der der republica nahe. Erzähl meinen Lesern bitte was die re:publica ist. Wann und von wem wurde sie gegründet? Was ist die republica? Was soll die republica werden?
Die re:publica ist eine Konferenz über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft. Wir haben die erste re:publica 2007 zusammen mit Spreeblick veranstaltet. Die Idee dahinter war, dass es keie Konferenz gab, wo wir uns wohl fühlten, bzw. die unsere Themen ausreichend abbildete. Zu dem Zeitpunkt gab es entweder die eher technischen Konferenzen wie Chaos Communication Congress oder den LinuxTag, dann die ganzen Business-Konferenzen, wo über Blogger geredet wurde und wie man mit denen Geld verdienen kann und dann die wissenschaftlichen Konferenzen, die zu verstehen versuchten, was wir da tun mit Blogs und sozialen Medien. Wir haben uns also die re:publica als eine Konferenz geschaffen, wo wir selber gerne hingehen würden. Im April 2010 findet sie zum vierten Mal in Berlin statt und wir rechnen mit 2000 Besuchern. Es scheint also vielen so zu gehen wie uns, dass eine Konferenz über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft Sinn und Spass macht. Also über unsere Themen und unser Leben im Netz zu diskutieren und zu reflektieren und dabei drei Tage lang viele Gleichgesinnte an einem Ort zu treffen, die man den Rest des Jahres in Blogs, auf Twitter oder sonstwo im Netz trifft.
Warum veröffentlichst Du eigentlich nicht viel mehr Podcasts? Da es viele Lesefaule gibt, stell ich mir gerade vor das Du dadurch noch viel mehr Leute erreichen könntest.
Ich habe noch eine Menge Podcasts auf der Festplatte. Ich nehme mir immer vor, mehr zu produzieren, aber das bearbeiten kostet Zeit und ich schiebs gerne vor mich her. Muss den Stapel aber mal abarbeiten, da sind einige gute noch dabei. Und irgendwann hole ich mir mal besseres Equipment, um effektiver und mit besserem Klang produzieren zu können.
Auf der Freiheit statt Angst-Demo gab es einen unschönen Zwischenfall mit mehreren Polizisten und einem Radfahrer. Magst Du dazu Stellung beziehen?
Ich kenne eine Menge Augenzeugen persönlich und hab die Videos gesehen. Ich finde es absolut inakzeptabel, wie sich einzelne Polizisten dort verhalten haben und hoffe, dass die Gerechtigkeit siegt. Und die Polizisten für ihr Fehlverhalten verurteilt werden.
Wer ist netzpolitik.org? In einem Interview hast Du einmal gesagt das Du nicht alleine bist.
netzpolitik.org ist ein Blog, wo ca. 15 Menschen Zugang zu haben, die leider teilweise unregelmässig dort etwas veröffentlichen. Im Moment unterstützt mich Simon Columbus am meisten, der gerade ein Praktikum bei mir macht. Sonst schreiben noch u.a. Joerg-Olaf Schaefers, Ralf Bendrath, Matthias Mehldau, Andrea Goetzke, Carsten Raddatz, Andreas Pohl, Philip Steffan, Martin Schmidt und ein paar andere mit. Aber netzpolitik.org lebt ja nicht nur von den Autoren, sondern auch von den vielen Lesern, die kommentieren, unsere Themen weitertragen, uns mit Informationen versorgen, etc. Insofern ist netzpolitik.org eher ein großes Netzwerk an Menschen, die sich gemeinsam für digitale Bürgerrechte einsetzen und dabei ausprobieren, wie man das Netz für Politik nutzen kann.
netzpolitik.org berichtet immer mehr über Firmen die Probleme mit und wegen dem Datenschutz haben. Wie siehst du den Datenschutz? Wie erklärst Du das Problem mit dem Datenschutz, besonders Leuten die behaupten nichts verbergen zu müssen?
Ich erkläre Datenschutz gerne mit dem Bild von kleinen Kindern, die einmal auf eine heiße Herdplatte patschen und dann zukünftig vorsichtiger werden, wenn sie sich verbrannt haben. So ähnlich verhält es sich mit dem Schutz personenbezogener Daten. Wer eimal zuviel von sich Preis gegeben hat und damit schlechte Erfahrung gesammelt hat oder Opfer eines Datenskandals geworden ist, wird in der Regel zukünftig vorsichtiger mit seinen Daten agieren und ein besseres Bewusstsein für Datenschutz haben. Und wer nichts zu verbergen hat, sollte sich fragen, ob er oder sie gerne Kameras in der eigenen Wohnung aufbauen möchte, um der Öffentlichkeit Einblick in das eigene Leben zu geben. Diese Personen gibt es zwar, aber sie sind die ganz große Minderheit in unserer Gesellschaft.
Medienkompetenz wird mittlerweile sehr breit gesellschaftlich diskutiert. Was verstehst Du unter Medienkompetenz, auch im Hinblick auf Netzpolitik? Ist der Begriff der Medienkompetenz nicht mittlerweile etwas abgenutzt?
Da wir uns in einer Medienwelt befinden, ist Medienkompetenz als Begriff vielleicht etwas abgenutzt, aber in der Realität sinnvoller als je zuvor. Wenn man sich den Begriff näher anschaut, dann gibt es viele Teilbereiche, wie Technikkompetenz oder aber die Einschätzung, wie vertrauenswürdig ein Medium/eine Quelle ist. Jeder Mensch sollte das notwendige Wissen haben, Quellen kritisch einzuschätzen und sich in einer verändernden Medienwelt zurecht zu finden. Das ist aber teilweise noch Zukunftsmusik, wer soll das denn den Menschen beibringen? Hier sollte man in der Schule anfangen. Aber wer unterrichtet erstmal die Lehrer und Eltern, die teilweise hilflos vor dem Internet sitzen und es nicht verstehen? Das ist eine große gesellschaftliche Aufgabe, die noch nicht zufriedenstellend gelöst ist.
So wie ich das von Hamburg einschätzen kann bist Du in Sachen Netzpolitik immer sehr engagiert. Egal welcher Teilbereich gerade von Dir beackert wird. Wenn Du einen Wunsch frei hättest, welche Veränderung würdest Du Dir kurz-, mittel- und langfristig in der Netzpolitik wünschen? Ich habe das extra etwas allgemein gefasst, weil meine Frage auch auf vieles abziehlt, Politiker, Gesellschaft, usw…
Ich wünsche mir, dass Netzpolitik endlich Chefsache auf allen politischen Ebenen wird und das Thema ernst genommen wird. Das Internet geht nicht mehr weg und es wird Zeit, vernünftige Rahmenbedingungen für die digitale Gesellschaft zu schaffen.
Netzpolitik vermittelt zwischen dem Entdecker einer Schwachstelle und der betroffenen Firma oder Organisaton. Ich habe mir überlegt das Ihr Euch ja nicht um Alles kümmern könnt. Wen empfehlt Ihr, falls ihr überlastet seid oder der Betroffene vielleicht woanders Hilfe suchen möchte?
Bei technischen Details verweisen wir gerne auf den Chaos Computer Club, die über die notwendige Expertise und das Wissen verfügen, auch mit delikaten Sicherheitslücken umgehen zu können. Ansonsten helfen in der Regel auch gerne die Landesdatenschutzbeauftragten.
Du gehörst ja auch zu den Leuten die warnen sich einseitig zu informieren. Gibt es einen Blog der ähnliche Themen bearbeitet aber eine andere Meinung vertritt, das Du empfehlen magst?
Da kenne ich keine guten Blogs.
Möchtest Du noch über etwas reden, wonach ich aber nicht gefragt habe? Konferenztermine, Highlight auf Netzpolitik.org?
Gerade fällt mir nichts ein.
Vielen Dank an Markus Beckedahl (netzpolitik.org, re:publica, newthinking communications, all2gethernow) für die Beantwortung meiner Fragen.
ts vom apfelplan führte für maclites durch das Interview mit Markus Beckedahl.
Aktualisiert am 14/11/2011
Tags: Datenschutz, netzpolitik, open source, social media