Die Suchfibel gehört zu den Projekten im Netz, die ich seit etwa 10 Jahren, wieder und wieder besuche. Als ich die Suchfibel neulich aufrief, sah ich das Stefan dabei ist die Seite zu überarbeiten. Eine der, meiner Meinung nach, nützlichsten Seiten bekommt langsam ein neues Gesicht. So schrieb ich Stefan Karzauninkat an ob er mir einige Fragen beantworten würde.
Bild: Homepage Die Suchfibel von Stefan Karzauninkat.
Für mich warst Du immer der “Macher” hinter der “Suchfibel”. Magst Du Dich vorstellen, Stefan?
Ich habe Kommunikationsdesign studiert, Schwerpunkt Fotografie, und habe danach 10 Jahre als Werbefotograf gearbeitet, zum Schluss mit eigenem Studio in Hamburg. Zu meiner Studienzeit war noch nix mit Internet, das fing erst deutlich später mit meinem ersten High Speed Modem mit 14.400 Baud an.
Das GERINT Fourm bei Compuserve mit Stefan Münz war meine erste Begegnung mit HTML und den Möglichkeiten, auf diese Weise zu publizieren. Da habe ich viel experimentiert und angefangen, die “kleine Suchfibel” zusammenzustoppeln. Durch die Recherchen für das Buch kam der Kontakt zu Fireball und Gruner und Jahr zustande, und dann bekam ich so viel in Sachen Webdesign zu tun, dass ich das Fotostudio eingemottet und neue Büroräume gemietet habe. Und Leute eingestellt, eine Zeit lang waren es sechs Mitarbeiter, die Jobs für die Bertelsmann Stiftung und andere öffentliche Auftraggeber, Gruner und Jahr und etliche andere Kunden abgewickelt haben.
Dann kam die Dotcom Krise, ich musste Leute entlassen und bekam das Angebot, mal auf der anderen Seite zu arbeiten, und die Indexqualität einer neuen Suchmaschine zu verantworten. War eine spannende Zeit, mit Teams in 5 Ländern und interessanten Aufgaben, aber Seekport hatte auf Dauer keinen wirtschaftlichen Erfolg und wurde eingestellt.
Jetzt habe ich mich von dem großen Overhead mit vielen Mitarbeitern und großem Büroraum befreit und arbeite allein als Berater für Suchmaschinenoptimierung und Web Usability, eigentlich eine logische Weiterentwicklung aus den verherigen Tätigkeiten.
Mein Antrieb (oder größtes Problem, je nach Blickwinkel) ist, dass ich gerne neue Sachen mache, die noch kaum jemand vor mir so angefangen hat. (Als ich mein “Webdesign” seinerzeit beim Finanzamt anmeldete, fragte man mich, ob ich Teppiche oder Stoffe weben würde, und ob ich denn in der Weber-Innung sei.) Es langweilt mich, wenn nach ein paar Jahren die Routine einzieht. Aber an dieser Stelle fängt eigentlich das Kohlescheffeln an – schön blöd.
Trotzdem, ich starte gerne ins Unbekannte. Ich wurde von vielen mitleidig belächelt, als ich die ersten Webprojekte gestartet habe, und wenn ich heute was ganz Neues anfange, begegnet mir die gleiche Skepsis. Ich leiste mir den Luxus, die Sachen zu machen, auf die ich Lust habe und die mich interessieren, auch wenn ich einen fetten Job, der mich nicht ausfüllt, dafür drangebe. Zur Überraschung so mancher Auftraggeber und Kollegen.
Wie kam es zu der Idee ein Netzprojekt zum Thema Suchmaschinen in das Netz zu stellen und hast Du die Seite alleine gegründet?
Das hat 1996 angefangen, mit einer Übersetzung von Hilfeseiten englischer Suchmaschinen wir Lycos und Altavista, die beide zu der Zeit einen eigenen Index unterhielten. Das Ganze ist dann gewachsen, neue Suchmaschinen auch in Deutschland wurden aufgebaut, und entsprechend wuchs das Ganze. Die “Kleine Suchfibel” wurde groß, und ein Verlag wurde aufmerksam. 1999 erschien dann das Buch im Klett Verlag. Die waren sehr vorsichtig, aber als die ersten 3000 Exemplare schon nach 3 Monaten ausverkauft waren, hat das Ganze Drive bekommen. Bis 2003 gab es dann 3 Auflagen. Geschrieben habe ich allein, aber es gab natürlich sehr viel Austausch mit anderen Netizens und natürlich Suchmaschinenbetreibern.
Die “Suchfibel” hat Dich sehr bekannt gemacht. Hat der Bekanntheitsgrad auch für Ärger gesorgt?
Kein, kein bisschen. Im Gegenteil, es gab viel positives Feedback.
Heutzutage ist Seo das beherrschende Thema, wenn über Suchmaschinen gesprochen wird. War die Suchfibel das erste deutschsprachige Projekt zum Thema Suchmaschinenoptimierung?
Wenn man so will… Zu Beginn ging es eher um das Seiten anmelden, und solides SEO, wie es heute praktiziert wird, kommt eigentlich aus der Kunst des Index-Spamming.
Die Leute interessierten sich am Anfang dafür, wie man sucht, und das Interesse am Gefunden-Werden wurde erst mit den Möglichkeiten der Monetarisierung von Webseiten immer stärker. Entsprechend war “nur” ein Kapitel der Suchfibel diesem Thema gewidmet, aber das verschiebt sich natürlich. Ein Teil der Suchfibel-Tipps zum Thema von 1999 sind interessanterweise immernoch aktuell, vieles ist aber natürlich heute überholt und wird im Zuge des Relaunch noch stark überarbeitet werden.
An welchen Projekten hängst Du besonders? An welchen Projekten arbeitest Du gerade?
Die Suchfibel hab ich vor lauter Rennerei in anderen Jobs etwas vernachlässigt. Aber vor ein paar Monaten habe ich angefangen, das ganze Projekt komplett umzukrempeln. Neue Themen und Texte, und neues Layout. Immer, wenn zwischendrin mal Zeit ist, kommt ein neues Kapitel dran. Da steckt schon Herzblut drin.
Woran ich derzeit arbeite?
Ich habe aus einer spontanen Laune heraus letztes Jahr ein Onlinemagazin Spur Null Magazin gestartet. Das Projekt hat innerhalb kurzer Zeit dermassen Resonanz erzeugt, dass ich daraus binnen 2 Monaten ein gedrucktes Magazin entwickelte. Dieser Tage geht das erste Heft in den Handel, mal sehn, was passiert. Es geht um ein von vielen belächeltes Thema, Modelleisenbahn, in einer exotischen Baugröße und damit eine recht spitze Zielgruppe. Und es geht um die Verzahnung von Mitmach-Projekt, Blog, Magazin und gedrucktem Heft und die spannende Frage, ob und wie man so etwas wirtschaftlich tragfähig aufziehen kann. Neben dem Hauptjob.
Bild: Spur Null Magazin von Stefan Karzauninkat.
Das ist schon wieder ein Abbiegen von meinem bisherigen Kurs, aber es gibt eine Menge Berührungspunkte zu dem, was ich bisher gemacht habe, und so nehme ich natürlich eine Menge Erfahrugen mit. Und ich hatte schon lange nicht mehr dermassen viel Spass an einem Projekt.
Wird es ein neues Suchmaschinen-Buch von Dir geben?
Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die Suchfibel ist jetzt schon aktualisiert und wird es weiter werden. Was diesen Bereich angeht, da kann man schon ein bisschen Papier sparen.
Wie hat sich Deine Sichtweise auf die Suchmaschinen in den letzten Jahren verändert?
Der Idealismus in Sachen Weberschließung ist den kommerziellen Überlegungen gewichen. Es gibt ja keine ernstzunehmende Konkurrenz zu Google mehr, insofern geht es nur noch um die Sichtweise auf Google. Und die ist ja nur darauf ausgerichtet, in die Top Listen zu kommen. Das macht Spass, wenn es klappt und bringt Geld, schon nett. Aber es ist meist ein Reagieren und kein Agieren.
Gibt es Podcasts und Netzprojekte die Du sehr gerne besuchst und empfehlen magst?
Ich lese eine Handvoll SEO Blogs und Foren, aber eher unregelmäßig und sporadisch. Und ich höre die wirklich guten Podcasts von SWR1 Leute, wo wichtige, witzige und überraschende Menschen in Ruhe über 2 Stunden interviewt werden. Der Podcast ist ohne Musik 30 Minuten lang und bringt wirklich tolle Einblicke in das Leben und Arbeiten anderer Menschen – auch und gerade Menschen, die einen vollkommen anderen Lebensentwurf haben als ich.
Was macht heutzutage gute Suchmaschinenoptimierung für Dich aus?
Kommt auf die zu optimierende Website an: Immobilien-Sites, Ärzte und Rechtsanwälte brauchen ein anderes Vorgehen als ein neuer Preisvergleicher für Trendschuhe – und setzten auch andere inhaltliche und technische Rahmenbedingungen. Ich sehe es etwas altmodisch: Gute Inhalte (nicht in Bangladesh zusammengedengelter Instant-Content) und eine attraktive Site, die handwerklich gut gemacht ist, schafft mittel- und langfristig die vitalen Links von Leuten, die aus Interesse verlinken, dann noch On-Site alles optimieren, schon klappts.
Was hat Google, in Deinen Augen, soviel besser gemacht als die anderen Suchmaschinen?
Die wollten erstmal ein gutes Produkt machen, die Kohle stand hintenan. Naja, wenn schon nicht bei den VC-Leuten, dann zumindest bei den Nerds in der Firma. Wer andersrum denkt, wird nur kurzfristig Erfolg haben, wenn überhaupt.
Das Geld kam dann fast zwangsläufig durch gute Ideen. Oder eigentlich eine: Adwords und Adsense. Google läßt Spielerei und Ideen der Mitarbeiter tatsächlich zu, und behauptet nicht nur, das zu tun. Google Labs ist voll von guten (und seltsamen) Ideen, die sich nie durchgesetzt haben und finanziell gefloppt sind, aber die eine oder andere ist dermaßen zukunftsweisend, dass sie Google noch größer werden läßt. Maps und Mobile sind die nächsten Milliardenbringer, und wer hat vor Jahren, als kein Mensch eine Idee hatte, wie man damit Geld verdienen könnte, etliche Millionen in die Hand genommen und kostenloses Kartenmaterial und Satellitenbilder ins Netz gestellt? Nur so, zum Spielen?
Google will (hin und wieder auf erschreckend und erschütternd naive Weise) wirklich Informationen zur Verfügung stellen. Irgendwann kommt dann die Geldverdien-Idee dazu oder entwickelt sich durch Verknüpfung
von Technologien. Jeff Jarvis hat das in “What Would Google Do?” ganz gut skizziert, (auch wenn man als Alt-Europäer ne Menge euphorisches Armewedeln aus dem Buch überlesen muss.)
Google ist Marktführer in Deutschland. Monopolist. Warum gibt es die Suchfibel trotzdem noch und wo siehst Du ihre Daseinsberechtigung?
In Sachen Reichweite und Werbung ist Google sicher als Fast-Monopolist zu bezeichnen. Aber das bedeutet für Nutzer, die gründlich recherchieren ja nicht, dass man nicht andere Suchdienste nutzen kann, deren Möglichkeiten deutlich über Google hinausgehen.
Auch das Thema Suchstrategien bleibt aktuell, egal welchen Suchdienst man verwendet. Die Suchfibel hat nach wie vor mehrere hunderttausend Besucher und Leser pro Monat, die dort behandelten Themen bleiben offenbar interessant.
Was denkst Du über soziale Netzwerke und woran denkst Du beim Stichwort Social Media?
Einerseits nützlich und interessant. Kurze Wege, schnelle Verbindungen. Andererseits problematisch in Sachen Datenschutz, und es entsteht eine Menge Belangloses und Unreflektiertes. Statt auf den Punkt zu kommen findet man auch bei interessanten Themen oft langatmiges Drumherum. Wenn dann noch Social Media als Werbeträger unterminiert wird, sind plötzlich die gut gemachten Statements mehr oder weniger) gut gemachte Werbeverpackungen. Mir fehlt oft die Zeit und Geduld, aus Social Media das rausfiltern, was mich interessiert, deswegen befasse ich mich wenig damit.
Was würdest Du Einsteigern im Bezug auf Suchmaschinen raten oder empfehlen?
Erst mal nachdenken, was man schon weiss, bevor man die Suchmaschine fragt. Dann überlegen, wie man einen Artikel zu einem Thema, über das man Informationen sucht, selber betiteln würde. Die richtigen Suchwörter entscheiden. Und dann kann es nicht schaden, mal auf “erweiterte Suche” zu klicken. Schon verblüffend, wie toll man da suchen kann.
Welche Hardware und Software setzt Du ein und warum gerade die und keine andere?
Hardware? Ein inzwischen 3 Jahre altes Samsung Notebook und einen neuen superleisen No Name Desktop, weil ich damit gut klarkomme. Ich will mich weder mit System- noch Hardwarekonfiguration rumschlagen, sondern einfach schnell meinen Kram erledigen. Ich nutze die üblichen Office Programme, ein paar SEO Tools und das eine oder andere Grafikprogramm, Allerweltskram.
Worüber würdest Du gerne noch etwas sagen, wonach ich aber nicht gefragt habe?
Wenn man immer wieder mit Menschen zu tun hat, die überhaupt nicht online-affin sind, wird man schon einer gewissen Ahnungslosigkeit gewahr, und wundert sich, wie man es hinbekommt, dermaßen von der rasanten Entwicklung der Kommunikation und ihren Möglichkeiten abgeschottet zu bleiben. Auf der anderen Seite kann man von solchen Leuten (wieder) lernen, auch mal die zeitlosen Dinge des Lebens wieder zu beachten und nicht jedem neuen Hype hinterherzurennen. Gar nicht so einfach, die Balance zu halten.
Das war Stefan Karzauninkat von “Die Suchfibel“. Danke!
Tillmann Scheele führte durch das Maclites Magazin Interview. Schau regelmäßig nach neuen Interviewgästen von Maclites und verfolge das Maclites Magazin über:
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