iPhone- / Mac-Hilfe



“Textpattern, das iPad unter den Content-Management-Systemen” – Gerrit van Aaken

Auf der Suche nach HTML-Dokumentationen, bin ich über die Homepage von Gerrit van Aaken gestolpert. Durch die Kontakte zu den Webkrauts und seinem Einstieg in die Undsoversity, erschien Gerrit wieder verstärkt auf meinem Radar. Neben Content-Management-Systemen und Webdesign, haben wir die unterschiedlichsten Themen angerissen. Worüber Gerrit und ich genau geredet haben, erfährst Du im Interview.

Bild zeigt: Praegnanz.de von Gerrit von Aaken.Bild zeigt: Praegnanz.de von Gerrit von Aaken

Beginnen wir mit der mittlerweile obligatorischen Frage: Magst Du Dich kurz vorstellen, Gerrit?
Ich heiße Gerrit van Aaken, bin 30 Jahre alt und setze unterschiedlichste Websites für unterschiedlichste Kunden um. In meinem populären Blog praegnanz.de schreibe ich seit einigen Jahren über Web-Typografie, Content-Management-Systeme und Web-Video.

In Deiner E-Mail-Signatur steht Webdesign & Netzkultur. Was versteht Gerrit van Aaken unter Netzkultur?
Das ist eine Art Platzhalter, der signalisieren soll, dass ich nicht nur mit Scheuklappen meinen Job “Webdesign” nach Vorschrift mache, sondern mich auch mit aktuellen Trends im Netz auseinandersetze. Vor ein paar Jahren war das vielleicht “Social Web”, jetzt ist es eher “Netzpolitik” oder “Digitale Magazine”.

Gutes Webdesign ist für Gerrit van Aaken..?
Ein Design, das den Inhalt in den Vordergrund stellt, ihn effektiv auffindbar und nutzbar macht. Gutes Webdesign ist vor allem mediengerecht, technisch gut durchdacht und umgesetzt, sowie aufgeräumt und von schlichter Eleganz.

Warum würdest Du die Blogsoftware bzw. das Content-Management-System Textpattern empfehlen?
Textpattern ist für Blogs und sehr kleine Websites großartig, weil es unglaublich schlank und pfeilschnell ist. Es ist seit Jahren weitestgehend “feature-complete” und stabil. Updates sind extrem selten, und es gibt ein paar pfiffige Plugins. Für viele meiner Projekte ist Textpattern das ideale “Just enough”-System – das iPad unter den Content-Management-Systemen.

Du hast schon Vorträge zu dem Thema WordPress vs. Textpattern gehalten. Magst Du auf die Diskussion nochmal genauer eingehen?
Zunächst einmal: Nicht für alle Anwendungszwecke lässt sich Textpattern einsetzen. In vielen Fällen bleibt einem nichts anderes übrig, als WordPress zu verwenden, da dieses System über sehr viele eingebaute Funktionen und noch viel mehr Plugins verfügt. Da kann kein anderes Blog-System mithalten.

Die vielen Features werden jedoch mit einer unerträglichen Langsamkeit und Instabilität erkauft, die an allen Ecken und Enden durchblitzt. Je höher die Versionsnummer, desto fetter und träger wird das System. Ständig müssen Sicherheitslücken notdürftig gestopft werden, beim Auto-Update gibt es manchmal Schluckauf, und das System zieht das Vielfache an Server-CPU-Leistung wie vergleichbare Systeme. Allein aus Energiespargründen müsste man WordPress eigentlich verbieten ;-)

Nichtsdestotrotz ist WordPress zu Recht ein beliebtes und häufig eingesetztes System. Für den Nutzer ohne tiefere Technik-Kenntnisse bietet es jede Menge reizvolle Funktionen in einem gut beherrschbaren Interface. Und was nicht vergessen werden darf: Allein das Fehlen einer einfachen Themes-Verwaltung macht Textpattern zwar zu einem schicken Tool für professionelle Webdesigner – der unbedarfte Blogger wird jedoch Schwierigkeiten haben.

Was macht Web-Typografie aus und wichtig, Gerrit?
Zunächst ganz konkret: Sie muss größer sein als viele traditionelle Webdesigner denken. Unter 12 Pixeln Schriftgrad darf man keine Fließtexte setzen, besser sind 14 oder sogar 16 Pixel. Zusätzlich gibt es ein paar handwerkliche Kniffe, die man anwenden kann: Niemals komplettes schwarz (#000000) auf komplettes Weiß setzen (#FFFFFF), weil der Kontrast in den Augen weh tut, gerade auf den stark leuchtenden, modernen LEDs. Inverse Schrift ist meines Erachtens ebenfalls ein Tabu, das leuchtende Abbild auf der Netzhaut geht gar nicht.

Ansonsten muss man sich immer bewusst sein, dass man es mit einem extrem grobschlächtigem Trägermedium zu tun hat. Das Pixelraster ist selbst auf aktuellen 160ppi-Bildschirmen völlig verpixelt, wenn man es mit einem ordentlichen Offset-Druck vergleicht. Also bitte allzu filigrane Formen vermeiden, sie werden höchstwahrscheinlich kaputt geglättet.

Zu guter Letzt etwas schwammiger: Ein guter Web-Typograf ist flexibel im Hirn und erwartet keine identischen Ergebnisse auf unterschiedlichen Systemen. Allein die diversen Schriftglättungs-Verfahren sind ein weites Feld, hinzu kommt die Zoomfähigkeit der Fullsize- und Mobilbrowser. Man muss sich daran gewöhnen, nur noch einen Gestaltungskorridor vorzugeben, der dann vom User modifiziert wird.

Und noch ein Universaltipp: Mehr Weißraum und Zeilenabstand. Immer!

Nehmen wir einmal die Situation an, der Fließtext soll Schwarz auf Weiss sein. Welche Farbkombination bzw. welche Farbabstufungen würdest Du empfehlen?
Den weißen Hintergrund würde ich schon auf 100% lassen, also #FFFFFF (sonst hat man Probleme mit eingefügten Bildern, die oftmals einen weißen Hintergrund haben.) Die Schriftfarbe setze ich meist auf #333333 oder #444444, das kommt beim User zwar wie Schwarz an, knallt aber nicht so sehr rein.

Du hältst viele Vorträge. Gibt es schon Termine, die sich interessierte Leser von Maclites merken sollten, und über welche Themen würdest Du in Vorträgen gerne noch sprechen?
Das nächste Mal werde ich über Webvideo sprechen in einem Blitzvortrag (ca. 15 Minuten) auf dem Webmontag in Würzburg am 8. März. Darüber hinaus ist erstmal nichts geplant. Insgesamt stehe ich mehr auf meine technischen Vorträge, obwohl ich manchmal auch ganz gerne über Design lobe und lästere.

Die Lernkurve von Textpattern ist wirklich sehr steil. Das habe ich am eigenen Leib erfahren dürfen. Gibt es Dokumentationen, die Du Textpattern-Einsteigern empfehlen würdest (Deutsche und Englische)?
So steil ist es gar nicht, wenn man generell in Sachen HTML/CSS bewandert ist. Man muss den Frontend-Part eben komplett selber übernehmen, da es keine Themes gibt. Leider bin ich schon so lange in der Textpattern-Welt zuhause, dass ich gar nicht weiß, ob es für Anfänger gute Tutorials gibt. Ich stehe aber auf das offizielle Wiki unter textpattern.net, welches unter anderem eine sehr praktische und vollständige API-Dokumentation enthält.

Gibt es ein Projekt, auf das Du besonders stolz bist und hier vorstellen magst?
Ich liebe immer noch das Backend Design und den Workflow von Loudblog, einem Podcasting-CMS, welches ich von 2005 bis 2007 im Alleingang entwickelt habe. Der gesamte Code darunter ist grauenhaft, und konzeptionell würde ich heute eher ein Plugin draus machen. Die Loudblog-Philosophie jedoch ist bis heute gültig.

Und wenn ein bisschen Werbung erlaubt ist: Man kann sich in der Undsoversity grandiose Workshop-Videos von mir kaufen, in denen ich der Menschheit Photoshop für Screendesign und HTML/CSS beibringe.

Ich frage alle meine Interviewpartner nach Ihren Lieblings-Podcasts. Hörst Du Podcasts und welche sind Deine Top 5?
Selbstverständlich, das ist meine derzeitige Liste:

  1. Bits und so
  2. mobileMacs
  3. Zündfunk von Bayern 2
  4. Spieleveteranen
  5. Technikwürze

Kennst Du Blogs oder Netzprojekte, die empfehlenswert sind?
Es ist unentschuldbar, nicht das fscklog zu abonnieren, wenn man einen Mac besitzt und sich für Apple interessiert. Noch schlimmer ist es, Stefan Niggemeier nicht zu lesen, wenn man sich auch nur einen Hauch für Zeitungen oder Fernsehen interessiert. Das dürfte man wirklich keinem erzählen.

Und man sollte unbedingt die Cartoons von Beetlebum lesen – niemand beschreibt charmanter das tägliche “Nerd in fester Beziehung” Drama.

Mit welcher Hard- und Software arbeitest Du sehr gerne privat und als Webdesigner?
Nach langem Überlegen, ob es nicht doch mal ein iMac sein soll, habe ich mich vor ein paar Wochen entschlossen, weiterhin mit der Kombination 13-Zoll-MacBook und großem stationären Bildschirm im Büro zu arbeiten.

Was die Software angeht, bin ich spartanisch-klassisch: Quelltext jeglicher Form schreibe ich mit Textmate, FTP mache ich mit Transmit, Screendesigns traditionell mit Photoshop CS3. Viel mehr braucht es eigentlich nicht, wenn man die üblichen Kommunikationstools mal beiseite lässt. Es gibt zwar auch die Alleskönner-Programme wie Coda und Espresso, aber ich mag es, für jede Aufgabe ein eigenes schlankes Tool zu haben, und auf dem Mac funktioniert das Zusammenspiel der Tools sehr gut.

Abgesehen von den Produktions-Applikationen auf dem Desktop nutze ich sehr viele Online-Services wie Google Kalender, Mite, Billomat und Collmex für meine geschäftliche Organisation.

Google musste viel Prügel für den Browser Google Chrome einstecken. Was denkst Du über Google Chrome?
Ich finde, dass sich die Prügel sehr in Grenzen gehalten hat. Ich versuche gerade, Chrome als meinen regulären Surf-Standardbrowser einzusetzen und bin ganz angetan. Er ist schneller als Safari und fühlt sich insgesamt sehr gut an. Jetzt gilt es zu beobachten, wie flott Chrome dabei ist, neue Web Features zu implementieren, wie zum Beispiel das WOFF-Schriftformat, CSS-Transitions und andere Späße. Hier hat der Nightly Build von Safari/Webkit ja üblicherweise die Nase vorn.

Würde es sich für einen Hobby-Blogger wie zum Beispiel mich lohnen, Gerrit van Aaken das Webdesign überarbeiten zu lassen, und könnte ich mir das leisten?
Prinzipiell schadet es nie, mich auch wegen kleinerer Projekte anzufragen. So teuer bin ich nämlich gar nicht! Allerdings bin ich derzeit gut ausgebucht und muss mir für die nächsten Monate einen klaren Kopf bewahren, was die Menge an gleichzeitig laufenden Projekten angeht. Kann also ein bisschen dauern, biss es konkret was zu sehen gibt.

Insgesamt denke ich jedoch, dass das eigene Blog authentisch sein sollte, und von daher rate ich manchmal eher dazu, sich keine externe Hilfe zu holen, sondern selber mit den eigenen Mitteln das zu erreichen, was man in der Lage ist zu erreichen. Sprich: Ein zu ausgefeiltes Blogdesign, welches perfekt ausgewogene Komponenten besitzt und einen sehr professionellen Anspruch vermittelt, ist nicht für jedes Privatblog die passende Wahl.

Worüber würdest Du gerne noch etwas schreiben, wonach ich aber nicht gefragt habe?
Ich könnte noch darauf eingehen, dass ich ein großer Fan des Content-Management-Systems “MODx” bin, welches ich nun bei einer ganze Reihe von Kunden eingesetzt habe und fast nur positive Dinge berichten kann, was die Entwicklungsgeschwindigkeit und die Ausgewogenheit des Konzeptes angeht. MODx gehört in den Werkzeugkasten eines jeden Webdesigners.

Gerrit van Aaken, Diplom-Designer und Webstandards-Befürworter. Herzlichen Dank, für das Interview!

Tillmann Scheele führte durch das Maclites Magazin Interview. Schau regelmäßig nach neuen Interviewgästen von Maclites und verfolge das Maclites Magazin über:

Reaktionen:

Weitere Artikel zu Typografie & CMS:

Aktualisiert am 19/11/2011

Tags: , , ,

4 Kommentare

  1. Guten Tag.
    Ich bin Autodidakt, kein Mac-User …
    Dieser Beitrag hat mir sehr gut gefallen,
    beide Personen haben ihr Teil dazu beigetragen.
    Dankeschön.

  2. Wenn eine Lernkurve steil ist, dann lernt man sehr schnell sehr viel. Kleine Erbsenzählerei, musste sein ;)

  3. Markus,
    mein Verständnis ist genau so, wie im Interview: Die Steilheit einer Lernkurve bezieht sich auf die Energie, die der Lernende zur Erreichung eines Erfolgs einsetzen muss.

    Grafik: Lernaufwand für eine bestimmte Stoffmenge
    (Quelle: Deutsche Wikipedia)

  4. Die notwendige Energie des Lernaufwands wird in der Regel in einer Lernkurve nicht direkt abgebildet. Es geht um Stoffmenge pro Zeit. Und – genau wie in der zitierten Grafik abgebildet – eine steile Lernkurve bedeutet: Viel Stoff in wenig Zeit, also eine gute Sache. Wenn der Stoff schwierig zu erarbeiten ist (das könnte die »Energie« meinen), geht man von mehr benötigter Zeit aus, was eine flachere Kurve ergäbe.
    So, jetzt aber genug Erbsen gezählt.

Ein Trackback

  1. schnellze.it says:

    Interview mit Gerrit – relevante Zitate…

    Interview bei http://maclites.com… mit Gerrit van Aaken von http://www.praegnanz.de Er sagt einige interessante Dinge: QUOTE:Textpattern ist für Blogs und sehr kleine Websites großartig, weil es unglaublich schlank und pfeilschnell ist. Es ist sei…

Schreibe einen Kommentar